Gleich zu Beginn der Ernte stand der Kollege von nebenan mit Tränen in den Augen vor der Tür. Der Motor seiner Kelter war in Brand geraten. Müller holte tief Luft, schob noch zwei Stunden dazwischen und half, die bereits gemahlenen Trauben zu pressen. Weit nach Mitternacht war endlich alles geschafft. Der kräftig gebaute Mann ist da kameradschaftlich – obwohl ihm manche Nachbarn neidvoll begegnen.
Derzeit muss er mit drei, höchstens vier Stunden Schlaf in der Nacht auskommen. „Ausruhen können wir uns im Winter“, brummt er. Die Ernte von 45 eigenen und 20 zugepachteten Hektar will fehlerfrei verarbeitet werden. Sein Bruder Stefan, 27, steht derweil in den Reben und steuert die 20-köpfige Lesemannschaft. Den Helfern schaut er genau auf die Finger. Oberster Grundsatz: Nur absolut gesunde, vollreife Trauben kommen in die 200-Kilo-Boxen. Selbst wenn die Hälfte, weil nicht gut genug, auf den Boden fällt. Nur zu einem geringen Teil setzt er eine Erntemaschine ein. Zu 90 Prozent wird noch von Hand gelesen.
Wenn es dann dunkel ist, kümmert sich der Jüngere bis Mitternacht um den Buschenschank. An dieser Tradition wird trotz aller Arbeitslast nicht gerüttelt. Die Ausflügler schwärmen zum Schöppeln und Schmausen in die Weinorte, auch wenn die Winzer sie im Herbst am allerwenigsten gebrauchen können.
Vater Leopold Müller stieß seinen Ältesten schon früh in die Verantwortung. Der Sohn übernahm mit 19 Jahren gleich nach Abschluss der Weinbauschule in Krems wichtige Aufgaben im Gut. In kurzer Zeit war er quasi der Chef. So hatte der Senior, ausgezeichnet mit dem Titel Ökonomierat, ein wenig mehr Zeit für seine Ämter bei der Landwirtschaftskammer und beim Bauernverband. Der jüngere Bruder stieß vor neun Jahren dazu. Er wollte zuerst vom Weinbau nichts wissen und studierte Hotelwirtschaft. Doch inzwischen war das Gut derart gewachsen, dass er unbedingt gebraucht wurde.
Gemeinsam gingen sie daran, den neuen Keller zu planen. Er sollte in den Hügel neben dem Hof gegraben werden mit drei Ebenen für die verschiedenen, großenteils vom Computer gesteuerten Arbeitsabläufe. Der Vorteil dabei ist, dass Trauben, Maische und Most durch natürliches Gefälle in den Untergrund befördert werden, ohne dass Pumpen das wertvolle Material strapazieren. Es dauerte sechs Jahre, bis das Vorhaben endlich abgeschlossen wurde. Immer wieder gab es Proteste aus der Nachbarschaft. „Aus heutiger Sicht müssen wir dankbar für jeden Einspruch sein. So hatten wir genug Zeit, alles bis ins letzte Detail auszuklügeln“, erzählt Müller. Da brauchte am Ende nur der Architekt nach den Vorgaben einen Plan für die Bauaufsicht zu zeichnen. 1,5 Millionen Euro hat das Projekt gekostet.
Der Weinhof Müller findet sich in dem Dorf Krustetten südlich der Donau. Dieser Teil des Kremstals hat einen nicht so strahlenden Ruf. Die noblen Erzeuger sitzen am anderen Ufer und rühmen sich ihrer auf Urgestein liegenden Weinberge. Da kann Leopold Müller schon ein wenig grantig werden. Er schaut rundum auf das malerische Hügelland zu Füßen des berühmten Stifts Göttweig. Dort finden sich durchaus hervorragende Weingärten, auch steile Südhänge. „Wir haben hier andere Böden, Löss und Lehm auf Kalkschotter, und ich behaupte, unser Grüner Veltliner bekommt hier noch mehr Würze“, sagt er.
Recht hat er. Es war gar nicht so leicht, aus fünf prächtigen Weinen dieser Sorte den angenehmsten heraus zu suchen. Die Wahl fiel schließlich auf die Füllung von der Lage Kremser Kogl. Die Reben dort hatte zum Teil noch Großvater Leopold Müller gesetzt. Allein das Riechen an dem süffigen Tropfen macht Spaß. Da steigt das für den Veltliner typische Pfefferl auf, ein an einen guten Braten erinnernder Duft vermengt mit kräftigen mineralischen, ja fast salzigen Aromen. Im Mund blühen Fruchtnoten auf von Mirabellen und Mandeln.